16.02.2010 - Halbzeit bei der Yiquan Lehrerausbildung durch Meister Jumin Chen

Ein Bericht von Thomas Bauer

„ Wenn Du nichts tust, hast du Zeit viel zu tun “ - Jumin Chen

Seit nunmehr eineinhalb Jahren, genau gesagt seit dem 7. März 2008, läuft die erste Yiquan Lehrerausbildung durch Jumin Chen in Seeham bei Salzburg in Österreich. Seit dem sind zehn Kurse vergangen, womit die Halbzeit überschritten ist, und es an der Zeit ist ein Resümee zu halten.


Erste Yiquan Ausbildungsgruppe in Salzburg
Die Teilnehmer des ersten Jahrgangs der Yiquan Lehrerausbildung mit Meister Jumin Chen in der Mitte


Yiquan, eine im europäischen Raum noch relative unbekannte und wenig verbreitete Kampfkunst, wird seit mehreren Jahren vom chinesischen Meister Jumin Chen zuerst in München, dann in Salzburg und nun auch in verschiedenen weiteren österreichischen, schweizerischen und deutschen Städten gelehrt. Aufgrund der starken positiven Resonanz auf die regelmäßigen Kurse in Form von Abend, Wochenend- und Wochenveranstaltungen, entwickelte Meister Chen eine Lehrerausbildung, die sich in achtzehn Wochenendseminare gliedert und über einen Zeitraum von drei Jahren erstreckt. Damit wollte er interessierten Schülern die Möglichkeit bieten diese Kampfkunst strukturiert und in allen Einzelheiten zu erlernen und ermöglicht dadurch eine stärkere Weiterverbreitung des Yiquan.


Yiquan unterscheidet sich von anderen Kampfkünsten im Wesentlichen durch zwei Aspekte.

Zum Einen entwickelt sie die innere Kraft über den Weg körperlicher Entspannung und geistiger Vorstellungsarbeit. Der Großteil des Trainings besteht aus Zhanzhuang- (Stehen wie ein Baum) und Shili (Fühlen der Kraft in der langsamen Bewegung). Beides sind Übungen, bei denen ohne jegliche äußere, muskuläre Kraftanwendung nur durch Vorstellungsarbeit die Kraft im Körper erspürt und entwickelt wird. Diese Art von Übungen lassen einen außen stehenden Betrachter vermuten der Übende würde nur untätig „herum stehen“; in Wirklichkeit leistet er intensive und konzentrierte geistige Arbeit, die dazu führt, dass er seine Kraft, Aufmerksamkeit und Beweglichkeit schult und damit verbunden seinen gesamten Gesundheitszustand deutlich verbessert. Von diesem Prinzip des Trainings durch Vorstellungsarbeit rührt der Name Yiquan, der mit Geistkampfkunst übersetzt werden kann.

Das zweite wichtige Unterscheidungsmerkmal ist das vollständige Fehlen von festgelegten Übungsformen wie sie aus dem Taiji Quan, Karate, Taekwon-Do, etc. bekannt sind. Der Yiquan Schüler übt aus einem großen Repertoire an einzelnen Vorstellungen, Haltungen und Bewegungen, die er nahezu beliebig aneinander reiht und kombiniert. Im Kampf führt das dazu, dass einer Aktion des Gegners eine natürliche, spontane Reaktion, bzw. (Gegen-)Aktion folgt anstatt einer einstudierten, vorgegebenen Antwort. Ziel des Yiquan ist es somit die natürlichen Reflexe und Kampffähigkeiten zu entwickeln, wodurch eine größtmögliche Schnelligkeit im Kampf erreicht wird.

Aufgrund der vielen Entspannungs- und Konzentrationsübungen, die tief in den Körper und dessen Funktionen hinein wirken, ist Yiquan in hohem Maße gesundheitsfördernd und wird deshalb auch vielfach praktiziert, ohne dass das Ziel eine Kampfkunst zu erlernen im Mittelpunkt steht. In Österreich werden entsprechende Kurse deshalb auch von Krankenkassen unterstützt und bezuschusst.

Neben den beiden bereits erwähnten Übungsarten des Zhanzhuang und Shili werden noch vier weitere Kategorien geübt nämlich Mocabu (Schrittübungen), Fali (die Kraft explodieren), Tuishou (schiebende Hände) und Sanshou (freier Kampf). Während Zhanzhuang, Shili, Mocabu und Fali Solotraining darstellen, werden Tuishou und Sanshou mit Partner geübt und dienen dazu das Erlernte im Kampf zur Anwendung zu bringen.


Somit liegt mit Yiquan ein in sich abgeschlossenes System vor, das sich dadurch auszeichnet, dass es sich auf die wesentlichen Aspekte der inneren Kampfkunst beschränkt, und befreit ist von allen Elementen, die schmückender, füllender oder esoterischer Natur sind. Natürlich sind auch in anderen Kampfkünsten Fali- und Tuishou-Übungen zu finden, allein der Weg dorthin ist diesen Kampfkünsten ein völlig anderer.

Die Ausbildung zum Yiquanlehrer hat zum Ziel, den Schülern dieses System durch einen systematischen Aufbau, beginnend mit Entspannungsübungen über das Erspüren und Weiterentwickeln der inneren Kraft bis hin zur äußeren Anwendung dieser Kraft, zu vermitteln.

Damit verbunden ist die Erarbeitung eines theoretischen Grundwissens über das Yiquan und verwandter Wissensgebiete (z.B. Anatomie, Auswirkung auf die Muskulatur, Skelett und Nervensystem, chinesische Philosophie und Geschichte, etc.). Die Schüler erwerben Kenntnisse in der Trainingsgestaltung und der Anwendung des Yiquan in der Therapie und sind nach bestandener Abschlussprüfung in der Lage sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene eigenständig zu unterrichten.

Der gesamte Lehrgang ist grob in drei Blöcke gegliedert:

  1. Grundstufe mit Schwerpunkt auf dem Gesundheitsaspekt. Durch das Erlernen von grundsätzlichen Prinzipien der Entspannung, Haltung, Bewegung und der Vorstellungsarbeit werden die wesentlichen Inhalte des Yiquan verinnerlicht, die innere Kraft erspürt und somit der Grundstock für gelegt die nächsten Stufen gelegt.
  2. Mittelstufe mit dem Ziel die Grundprinzipien weiter zu vertiefen, Anspannung in der Entspannung zu erfühlen bzw. das schnelle Umschalten zwischen Entspannung und Anspannung zu erlernen und die Kraft nach außen wirken zu lassen.
  3. In der Hauptstufe schließlich werden die bereits erlernten Fähigkeiten dahingehend weiterentwickelt, dass sie im Kampf mit einem Gegner angewendet werden können.

In der laufenden Ausbildung wurden neben dem intensiven Training der Grundübungen - Zhanzhuang in der Gesundheits- und in der Kampfstellung (Hunyuan Zhuang), sieben von insgesamt zwölf Shili Übungen sowohl im Stehen als auch in Verbindung mit Mocabu – auch schon erste Fali und Tuishou Übungen praktiziert. Somit wurde der Schritt von der reinen gesundheitsorientierten Anwendung hin zur Anwendung im Kampf bereits eingeleitet. Einzig Sanshou, der freie Kampf, bleibt der Hauptstufe vorbehalten. Mit  jedem Seminar wurden viele neue und spannende Aspekte und Übungen vermittelt, die im eigenen Training zuhause weiter vertieft werden und alle Teilnehmer sind jedes Mal aufs Neue erstaunt ob des intensiven Körpergefühls, das sich durch die immer feinsinnigeren Übungen einstellt.

Aufgrund der großen Nachfrage wurde bereits Ende 2008 die zweite Lehrerausbildung in Österreich gestartet. Die dritte begann am 18. Dezember 2009 in Winterthur (Schweiz).

Jumin Chen, der Leiter dieser Ausbildung ist einer der ersten Vertreter des Yiquan in Europa und hat  seinen Wirkungsschwerpunkt im deutschsprachigem Raum. Geboren 1964 in Jilin (China), lernte er schon als Kind in der Familie und von anderen namhaften Lehrern die Geheimnisse der verschiedenen Stile des Qigong und anderer innerer Kampfkünste. Ab 1985 unterrichtete er diese an einer Hochschule in China bevor er nach Europa übersiedelte und hier seit 1997 sein eigenes Institut in Salzburg leitet. Neben Yiquan unterrichtet er auch hier Qigong, Taiji Quan und Bagua Zhang.