Was ist Yiquan? Was bewirkt Yiquan? Die Seele des Yiquan Mittelscheibe des Dao Was sind die Trainingsinhalte?

Die Seele des Yiquan

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Die Seele des Yiquan: Shen und Yi

In sportwissenschaftlicher Fachliteratur steht zu lesen, dass Erfolge im Sport zu 2 Prozent auf die Technik und zu 28 Prozent auf die körperliche Verfassung zurückzuführen sind. Daher machen 70 Prozent des Unterschieds zwischen Sieg und Niederlage das aus, was sich sozusagen beim jeweilige Sportler im Kopf abspielt. Der Grazer Sportpsychologe Dr. Alois Kogler bestätigt diese These: „Je größer die mentale Stärke eines Sportlers ist, desto erfolgreicher tritt er auf. Das heißt, ein Sportler ist umso siegreicher, je besser er, neben der technischen Ausrüstung und seinem Körper, auch die Fähigkeiten seines Gehirns nutzen kann, also seine Gedanken und Gefühle bestmöglich einsetzt, um das Ziel zu erreichen“ (Medizin Populär, 11/2008)

Das Training des Gehirns ist die bedeutendste Methode des Yiquan, denn es ist nicht, wie das Potenzial unseres Körpers, begrenzt. Innerhalb moderner Übungen wurden hauptsächlich die bestmöglichen Methoden zum Körpertraining entwickelt, doch das Gehirn wird laut wissenschaftlicher Untersuchungen meist nur zu 4 bis 5 Prozent genutzt. Der Rest befindet sich im Schlafzustand. Innerhalb des Leistungssports bauen viele ein mentales Training in das Programm mit ein, jedoch ohne jegliches System. Ich habe die Überzeugung, dass die Sportleistung durch ein systematisches, mentales Training wesentlich verbessert werden und man dadurch auf Hilfsmittel wie Doping verzichten kann.

Schon seit Tausenden von Jahren konnten die chinesischen Meister bemerken, dass verschiedene psychische Faktoren bei Kämpfen eine Hauptrolle spielen und über Sieg oder Niederlage entscheiden. Über diese bestimmenden Aspekte heißt es: „Der erste ist Mut, der zweite Kraft und der dritte Technik“. Shen wurde in dieser Redeweise mit ‚Mut’ übersetzt, und zeigt deutlich die Bedeutung von Shen gegenüber allem äußeren Wirken, also Kraft und Technik. Aus diesem Grund sammelten Kampfkünstler viel Erfahrung mit „Mut“ um dadurch ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Shen

Was wir unter Shen zu verstehen haben, lässt sich am Besten anhand von zwei Geschichten illustrieren.

Von einem General namens Li Guang erzählt man sich noch heute eine rund zweitausend Jahre alte Geschichte: Mitten in der Nacht machte Li Guang einen Tiger aus. Er hob seinen Bogen und schoss auf den Tiger. Dann ging er hin, um sich seine Beute anzuschauen, doch er musste feststellen, dass der Tiger ein Stein war. Der Pfeil aber war in den Stein tief eingedrungen. Als es Tag war, wollte der General noch einmal in den Stein schießen, doch es gelang ihm nicht.

Eine andere Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der 10 Jahre bei dem besten Schwertkämpfer weit und breit trainiert hatte. Schließlich hat der Meister ihm aufgetragen, sich auf die Reise zu machen und seine Kunst im Schwertkampf zu erproben. Nun gab es an seiner Technik zwar nichts mehr zu verbessern, dennoch verlor er jedes Mal. Ohne einen anderen Ausweg zu sehen, wollte er sich am Ende selbst töten. Da jedoch kam ihm ein Gedanke: Wenn er schon sterben sollte, so wollte er lieber durch die Hand des berühmtesten Schwertkämpfers sterben als Selbstmord zu begehen. So ging der junge Mann hin und forderte den berühmtesten Schwertkämper heraus. Lange standen sich die beiden Kontrahenten regungslos gegenüber, ohne das der Kampf begann. Schließlich gab der berühmteste Schwertkämpfer auf.  Der junge Mann war überrascht und fragte nach dem Grund. Da erhielt er zur Antwort: „ Du hast keine Angst, nicht einmal vor dem Tod. Wer solch großen Mut beweißt, der ist unbesiegbar.“

Ob sich tatsächlich alles so zugetragen hat, wie es diese beiden Geschichten beschreiben, ist hier gar nicht von Bedeutung. Entscheidend ist das Phänomen, das sie beschreiben: Es geht um die Qualität einer Handlung in einer Extremsituation, die den Überlebenswillen fordert und die nur möglich ist, weil man Zugang zu den eigenen, verborgensten Kräften gewinnt. In anderen Zusammenhängen kann man auch heutzutage immer wieder von solchen Phänomenen hören, die ungeahnte Kräfte freisetzen. Man denke etwa nur an eine Mutter, die ihr Kind unter einem schweren Wagen eingeklemmt findet, der es zu Tode zu quetschen droht, und die in dieser Ausnahmesituation die Kraft entwickelt, ihr Kind zu befreien – eine Kraft, die sie unter gewöhnlichen Umständen nie aufbringen würde. Das, was sich in solchen Situationen manifestiert, ist Shen. Oft wird Shen als Geist übersetzt, doch diese Übersetzung ist unzureichend. Shen steht vielmehr für ein begrifflich schwer zu fassendes Konzept. Shen ist sowohl unsichtbar als auch unberührbar und herrscht über alle unbewussten Körpervorgänge. Allerdings kann man es wahrnehmen. So lautet ein Sprichwort: „Shen manifestiert sich in den Augen“. Zudem kann man an Haut Gesicht und Ausstrahlung, an Körperhaltung und Bewegung eines Menschen erkennen, ob sein Shen stark oder schwach ist.

Obwohl Shen unwillkürlich und nicht direkt abrufbar ist, kann man es doch trainieren. Seit Tausenden von Jahren haben die Chinesen bemerkt, dass psychische Faktoren bei Kämpfen die Hauptrolle spielen. Über die entscheidenden Aspekte, die den Ausgang eines Kampfes bestimmen, heißt es: „der erste ist Mut, der zweite Kraft und der dritte Technik“. Shen ist in dieser Redeweise mit ‚Mut’ wiedergegeben worden, und sie zeigt deutlich den Vorrang von Shen gegenüber allem äußeren Wirken, gegenüber Kraft und Technik an. Deshalb sammelten Kampfkünstler Erfahrung mit Shen – mit dem Ziel, auf diese Weise ihre Fähigkeiten zu verbessern.

So erkannte man, dass Shen über psychisches Training entwickelt werden kann. Deshalb spricht man in China auch von Shen-Training, wenn es um psychisches Training geht. Auf der Suche nach einer effizienten Methode, um das Shen zu stärken, stießen viele Kampfkünstler auf die Praxis des Chan-Buddhismus. In der Tang Dynastie (618-907) war die Hochzeit dieser Entwicklung, Kampfkunst und Clan-Buddhismus zusammenzuführen. Seit dieser Zeit sind viele gute Kampfkunststile mit dem Clan-Buddhismus verbunden. Trainiert wurde dabei oft im Stehen, was als Stehendes Chan (Li Chan)bezeichnet wurde. Hier ist die Wurzel der Stehübungen des Zhanzhuang zu finden.

Damit Shen eingesetzt werden kann, braucht es einen starken äußeren oder inneren Reiz. Deshalb setzt man zu Übungszwecken die notwendigen Reize durch Yi-Aktivität (s. nächsten Paragraphen). Entsprechende mentale Vorstellungsbilder finden hier ihre Anwendung: Indem wir uns vorstellen, wir stünden wie ein Gigant auf der Erde, schalten wir die gewöhnliche Bezogenheit auf unser kleines Ego aus und gehen weit über es hinaus. Körper und Geist vergrößern wir, dehnen sie in der Vorstellung ins Grenzenlose hinein aus. Wir sind erfüllt von Kraft und Energie. Wir sind von einem Willen beseelt, der Berge und Flüsse überwinden kann. Wir sind wie das Meer, und das Meer nimmt alles auf, was zu ihm kommt. Wir sind auch wie der Himmel, und der Himmel vereinigt alles in sich, worüber er sich erstreckt. Durch regelmäßiges Training mit solchen und ähnlichen Vorstellungen wird Shen abrufbar. Das Shen-Training verbessert unseren psychischen Zustand und stärkt die Willenskraft, den Kampfgeist und das Durchhaltevermögen.

Es ist äußerst sinnvoll den eigenen Geist für das Alltagsleben zu festigen. Häufig sind Yiquan- Übende mental wesentlich stärker und bekanntlich spielt sich ja alles „da Oben“ ab. Wir sind ständig mit bestimmten Schwierigkeiten konfrontiert, welche uns ohne eine gefestigte Willenskraft oftmals zum Aufgeben zwingen. Dies gilt auch für den Kampf gegen Krankheiten. Ein Schüler von mir als Beispiel hatte einen Gehirntumor mit 2%iger Überlebenschance. Er wollte noch nicht aufgeben und konnte diese 2% unter anderem durch ein regelmäßiges Yiquan- Training nutzten. Er stärkte seinen Körper, überwand die Müdigkeit und sein Leben ging weiter. Nach drei Monaten verschwanden die Tumore durch regelmäßige Übungen und einen starken Willen. Dies ist mittlerweile über 3 Jahre her und die Verbesserungen halten stetig an. Durch das Training bekommt er glänzend, rote Backen und die Ärzte im Landeskrankenhaus konnten ihn bei der Kontrolle kaum wiedererkennen. Eines der wichtigsten Elemente beim Yiquan ist das Stärken des „Obens“, des Geistes. Zu Beginn muss daher der mentale Bereich aufgebaut und trainiert werden, was im Nächsten Kapitel näher erläutert wird.

Obwohl Shen unwillkürlich und nicht direkt abrufbar ist, kann man es doch durch Yi trainieren.

Yi

Wir haben uns bereits darauf geeinigt, Yi (意) mit dem Begriff „Vorstellung“ zu übersetzen, aber auch darauf hingewiesen, dass dies eine notwendige Vereinfachung ist, weil die Komplexität des Begriffs „Yi“ keine unmittelbare Übertragung zulässt. Es sei daher noch einmal hervorgehoben, dass wir mit dem Begriff „Yi“ auf alle bewussten Aktivitäten des Gehirns Bezug nehmen, auf Gedankenkraft, Vorstellung und Absicht, auf Wille, Konzentration, bewusste Sammlung, sinnliche Wahrnehmung, etc. Stellt man sich die Frage, wie Yi und Kampfkunst ursprünglich zusammenkamen, so trifft man wiederum auf den Buddhismus. In einem Volksgedicht von Boddhidharma heißt es, er kam „von Westen ohne Schrift und Bücher, und man musste ihn mit Xin (Herz 心) und Yi begreifen“. Deswegen heißt diese Methode Xinfa (心法). Seit Jahrhunderten ist jener Satz in China in verschiedenen Bereichen wie Qigong, Malerei, Kalligraphie, Kampfkunst etc. sehr populär. Er trifft einen wichtigen Punkt, das mentale Training, d.h. das Training von Yi, eine Methode, die dank innerer, also geistiger Arbeit positiv auf den Körper wirkt. Dieses Wissen ist sehr alt und es wurde bereits früh in China festgestellt, dass psychische Faktoren Auswirkung auf die Gesundheit haben. Aus diesem Grund hat die Traditionelle Chinesische Medizin eine differenzierte Psychosomatik entwickelt, welche die Wirkung von Emotionen auf die körperliche Befindlichkeit äußerst umfassend beschreibt.

Yiquan greift auf diese Erkenntnisse zurück und bedient sich der Möglichkeit, durch mentale Arbeit (Yi) auf körperliche Funktionen einzuwirken. Damit unterscheidet es sich schon im Ansatz von herkömmlichen Trainingsmethoden. Gemeinhin konzentriert man sich in Übungsprozessen weniger auf mentale Vorgänge als auf das gezielte Training der Muskulatur bzw. der Muskelkraft. Nicht selten werden daher bestimmte Muskelgruppen oder einzelne Muskeln gezielt auf den jeweiligen Trainingsanspruch hin bearbeitet und entwickelt. In den Kampfkünsten ist dies etwa eine gängige Methode, um die Kraft und die Schnelligkeit von Schlag-, Ring- oder Wurftechniken zu entwickeln. Auf diese Weise will man erreichen, aus größerer Distanz mit Füßen und Händen oder aus näherer Distanz mit Schultern, Hüften, Ellbogen, Knie und Kopf so schnell und so kräftig wie möglich schlagen zu können. So subtil und unterschiedlich die Übungsmethoden in dieser Hinsicht auch sein mögen, so gilt doch ganz allgemein, dass es sich hierbei um Techniken handelt, die auf äußerer Kraft basieren. Wie sehr sich die Trainingsmethodik des Yiquan davon unterscheidet, ist mit Händen zu greifen: Yiquan trainiert körperliche Kraft nicht durch körperliche, sondern durch mentale Anstrengung (Yi). Ebenso wenig Schnelligkeit dadurch, dass der Körper zu ständig schnelleren Reaktionen und Handlungsmustern gedrillt wird. Vielmehr setzt die Methodik des Yiquan darauf, Schnelligkeit durch Langsamkeit zu üben (Zhanzhuang). Im Yiquan wird so die Erkenntnis Wang Xiangzhais umgesetzt, dass Yi Kraft ist. Man unterscheidet zwei Aspekte der Yi-Arbeit: der Aspekt der Gesundheit einerseits und der der Kampfkunst andererseits. Der erste ist für körperlich schwache oder kranke und ältere Menschen gedacht, die sich einen leichten Wasserstrom, leichte Federn oder angenehme Urlaubsstimmung usw. vorstellen. Der zweite Aspekt ist für die diejenigen geeignet, die ihre Körperstruktur in Hinsicht auf das Kämpfen weiter aufbauen wollen.

Shen und Yi sind die beiden Hauptmethoden des Yiquan, wobei die Arbeit damit systematisch und strukturiert aufgebaut wird. Viele Praktizierende von chinesischen Heil- und Kampfkünste wie Taiji, Qigong usw. behaupten, dass sie durch Yiquan einige Dinge besser verstehen können. Die traditionelle Kunst aus China sollte man immer von innen nach außen lernen statt umgekehrt. Dies gilt nicht nur für die Kampfkunst, sondern auch für andere Künste wie Qigong, Kalligraphie, Malerei, Kochen, Chinesische Medizin, Pekingopern usw.